Samstag, 26. Januar 2013

Vernunft und Hoffnung

Ich bin ein ziemlich ungeduldiger Mensch. Das Warten auf die erste Schwangerschaft war schon nicht so einfach. Es war alles noch im Rahmen, ca. 4 Zyklen. Und dann war es endlich soweit und mein Freund und ich waren im 7. Himmel. Wir waren voller Vorfreude und es war uns kaum möglich, die tolle Nachricht für uns zu behalten. Wir haben es trotzdem erstmal nur ganz engen Freunden gesagt. Die neue Situation mussten wir erstmal für uns entdecken. Kein Kaffee, kein Weichkäse und so weiter, diese stärkere Aufmerksamkeit, die man auf einmal für sich selbst und seinen eigenen Körper hat: Habe ich Hunger? Ja, ich muss jetzt möglichst schnell etwas essen und zwar etwas Gesundes, ich bin jetzt schließlich nicht nur für mich verantwortlich. Was für eine Erfahrung.
Wir waren unsicher und haben wie die Weltmeister gegoogelt, was wir dürfen und was nicht, was gut ist und was man meiden sollte. Es war alles so neu und so spannend. Es war die Zukunft, die in der Luft lag.

Das Bild einer kleinen glücklichen Familie, das sich vor unseren Augen auftat. Der große Traum sollte wahr werden. Es ist noch so unwirklich, aber doch schon so greifbar nah. So unbändige und beneidenswert naive Freude erlebt man nur bei der allerersten Schwangerschaft. Und wie tief fällt man, wenn die dann einfach zu früh endet. Ohne Vorwarnung. Boah, das tut jetzt noch höllisch weh, wenn ich nur dran denke.
Es war auch die längste Schwangerschaft für mich und die einzige, in der ich das Herz des kleinen Embryo schlagen sehen konnte. Das Knöpfchen war ein Mensch, es hat gelebt. Es war unser Kind. Wir waren Mama und Papa. Und nun mussten wir es gehen lassen. Das war ein so schockierendes Erlebnis, so traurig, so unendlich traurig.
Ich hatte bewusst nur einen Monat mit dem kleinen Knopf unter meinem Herzen und nie hätte ich ihn freiwillig wieder hergeben wollen. Er war ein Teil von mir. Ich wollte ihn für immer beschützen, umarmen, wärmen, lieben. Aber das konnte ich nicht. Ich war hilflos.
Auch wenn man es nicht will, kommen Gedanken wie: Habe ich versagt? Bin ich unfähig? Was habe ich falsch gemacht? Warum bin ich, warum ist mein Körper nicht in der Lage, unser Baby auszutragen? Hab ich mich doch zu wenig um ihn gekümmert? Hätte ich noch mehr aufpassen müssen? Ui, das nagt am Selbstbewusstsein. Man zweifelt an sich selbst und an seiner Fähigkeit Mutter sein zu können. Man grübelt, man vergräbt sich und nur die Vernunft und die Hoffnung können einen da wieder rausholen.
Die Vernunft, die einem sagt, dass die Natur einfach ihren Lauf genommen hat. Die Natur, die keine Rücksicht nimmt auf die dummen Gedanken und Emotionen, die man als Mensch hat. Die Natur, die mit seiner unbändigen Gewalt und Macht zuschlägt. Die Natur, deren Spielball man ist und der man sich einfach beugen muss.
Und dann ist da noch die Hoffnung, die einem zum Aufstehen und Weitermachen zwingt. Die Hoffnung darauf, dass es keinen Grund gibt, warum einem das wieder passieren sollte. Die Hoffnung, die einen glauben lässt, dass nichts dagegen spricht, dass man glücklich wird.


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